Judith Taschler, bleiben

Judith Taschler war mir durch ihren letzten Roman „Die Deutschlehrerin“ , für den sie mit dem „Friedrich Glauser Preis“ ausgezeichent wurde, in guter Erinnerung geblieben. Ihre Fähigkeit, die wichtigen Themen des Lebens mit  einer klaren, schnörkellosen  Sprache zu erfassen, hatte mir imponiert. Eindrucksvoll schreibt sie über die großen Themen im Leben, wie Liebe und Verrat, Tod und Vertrauen.

Es ist eine kurze, zufällige Begegnung auf der Reise nach Italien: Max, Paul, Felix und Juliane – vier junge Leute, voller Träume für die Zukunft, treffen im Nachtzug nach Rom aufeinander.
Juliane und Paul werden heiraten, Max und Felix sich auf eine Weltreise begeben.
Nach zwanzig Jahren trifft Juliane Felix zufällig in einer Galerie wieder und die beiden beginnen eine leidenschaftliche Affäre, die er jedoch ohne jede Erklärung abbricht. Erst Monate später erfährt Juliane – ausgerechnet von ihrem Mann – den Grund.
Die Wahrheit ist furchtbar und lässt das Leben aller eine dramatische Wendung nehmen.

Die Geschichte  wird aus vier verschiedenen Perspektiven erzählt, die 4 , inzwischen erwachsenen Protagonisten kommen zu Wort. Und so erschließt sich uns erst nach und nach die Geschichte jedes einzelnen und ihre Beziehungen zueinander.

Ein eindrucksvoller Roman!

Angeles Donate, Der schönste Grund, Briefe zu schreiben

„Niemals wird eine Träne eine E- Mail verwischen.“ (Jose Saramago)

Und deswegen haben wir es hier mit einem Roman zu tun, der die Kunst des Briefe schreibens hochhält. Das literarische  Debüt einer spanischen Autorin, das der Thiele Verlag in einem optisch und haptisch ansprechendem  Buch in Deutschland veröffentlicht.

Die allein erziehende Sara arbeitet als Postbotin in der kleinen Stadt Porvenir, soll aber nun nach Madrid versetzt werden, da das Briefaufkommen iim Ort immer mehr zurückgeht. Das ruft Rosa auf den Plan, eine ältere, liebevolle Nachbarin, die in Sara und ihren Kindern eine Ersatzfamilie gefunden hat. Ihre Idee: es müssen wieder mehr Briefe geschrieben werden, damit Sara Arbeit hat. Und sie setzt eine Briefkette in Gang: sie selber schreibt einen Brief, der ihr, nach einer Verfehlung in der Jugendzeit schon lange auf der Seele brennt. Sie bittet die Empfängerin des Briefes wiederum selber anaonym an jemanden im Ort zu schreiben, der das so fortführt. Und so lernen wir über die Briefe eine Vielzahl von Menschen in Porvenir kennen, die nebeneinander her lebten, ohne sich näher kennengelernt zu haben.

Und der schönest Grund Briefe zu schreiben, sind natürlich die Liebesbriefe!

Eine hübsche  Geschichte, warmherzig geschrieben , schön zu lesen, ein Wohlfühlbuch! Und vielleicht auch für uns eine Anregung, sich ein schönes Papier und einen guten Stift zurechtzulegen!

 

 

Thees Uhlmann, Sophia, der Tod und ich

Mein Lesehighlight im Frühling. Thees Uhlmann kann nicht nur Musik mit seiner Band Tomte machen, er kann auch noch überaus witzig, intelligent und unterhaltsam schreiben!

Es klingelt beim Ich- Erzähler, einem eher antriebsschwachen Altenpfleger. Der Tod steht vor der Tür und will ihn holen: jetzt! Aber etwas kommt dazwischen, und zwar Sophia, die Exfreundin, die wenige Augenblicke später ebenfalls zu Besuch kommt. Und so muss die Sache mit dem Sterben erst einmal warten. Einen letzten Wunsch bekommt der Todgeweihte noch erfüllt:  seinen kleinen Sohn noch einmal sehen, der seit der Geburt ausschließlich bei der Mutter lebt. Und so machen sich der Tod, Sophia, unser Altenpfleger und dessen Mutter auf den Weg nach Süddeutschland um den Kleinen zu besuchen. Eine Reise, die es in sich hat, ein sprachliches Feuerwerk zwischen dem Tod und seinen Mitreisenden. Ruhiger geht es nur zu, wenn der Held an seine Kindheit denkt und an die wundervollen Momente vor allem mit seinem verstorbenen Vater. Spannend wird es,  als der Tod einen Mitbewerber bekommt, der ihm seinen Job streitig machen will! Ein ungewöhnlicher Roadtrip, eine fantastische Geschichte mit vielen nachdenkenswerten Dialogen. Ein Buch mit dem Tod, ein Buch über den Tod- aber eigentlich geht es um das Leben und was uns wichtig ist!

Sicher nicht für jedermann geeignet, aber wer sich auf schräge und ungewöhnlich geschriebene Geschichten einlassen mag- der sollte nicht zögern!

Kiwi, € 18,99

Laurain, Der Hut des Präsidenten

Kleider machen Leute…

Mitterand, der französische Präsident hat seinen Hut in einem Bistro vergessen. Dies ist nicht unbeobachtet geblieben: Daniel Mercier hat dies beobachtet und nimmt den Hut an sich. Mit was für Folgen! Der Hut beflügelt ihn, gibt ihm Mut und Selobstvertrauen und er schafft es endlich, aus den althergebrachten Strukturen auszubrechen. Doch , oh Schreck, er vergisst diesen besonderen Hut im Zug. Auch hier bleibt die Kopfbedeckung nicht lange ohne neuen Besitzer. es regnet und so greift Fanny nach diesem. Mit der Folge, dass sie sich endlich aus einer langen Affaire mit einem verheirateten Mann befreit. Und so lernen wir im weiteren Verlauf des Buches fünf grundverschiedene Menschen kennen, die alle beflügelt werden von dieser besonderen Kopfbedeckung.

Diesen Personen durch den Roman zu verfolgen , die Veränderungen, die in ihr Leben treten zu begleiten, das macht den Reiz dieses schönen Buches aus!

Atlantik Verlag , € 20,00

Antoine Laurain, Liebe mit zwei Unbekannten

Eine feinsinnige Liebesgeschichte, in die man sich gerne hineinfallen lässt! Seinem Autor, Antoine Laurain, ein Pariser Drehbuchschreiber und Antiquitätenhändler, gelang mit diesem Buch der internationale Durchbruch.

Laure, in Paris lebend, wird eines Tages Opfer eines Überfalls. Dabei wird ihr ihre Handtasche entrissen, sie selber schwer verletzt. Diese Handtasche wird wenig später von Laurent, einem Pariser Buchhändelr,  gefunden, der versucht, die Besitzerin ausfindig zu machen. Der Inhalt der Tasche gibt außer dem Vornamen wenig preis und Laurent macht sich auf Spurensuche. Dabei hilft ihm ein rotes Notizbüchlein, in dem Laure ihre geheimsten Gedanken, Wünsche und Ängste notiert hat. Je mehr Laurent von Laure erfährt, desto größer sein Wunsch sie kennenzulernen. Und er erfährt nicht nur immer mehr über die unbekannte Frau, sondern lernt auch unbekannte Seiten seiner selbst kennen.

So weit , so vorhersehbar? Vielleicht…aber bis es soweit ist, genießen wir eine wunderbare, sprachlich schön gestaltete Geschichte mit zwei bezaubernden Charakteren.

Atlantik Verlag, € 20

J.J.Abrams, Doug Dorst, Das Schiff des Theseus

Das gestalterisch schönste  Buch des Jahres- etwas ganz Besonderes – ein Bilderbuch für Erwachsene! Hier verbergen sich mehrere Bücher und Geschichten in einem Buch und Seite für Seite stößt man auf neue Herausforderungen! Das Buch, verpackt in einem Schuber, hat mich schon beim ersten in die Hand nehmen, herausgefordert, da man als ersten Akt willkürlkich eine Banderole zerreißen muss. das schmerz den Buchliebhaber.

Aber: es lohnt sich! Seite für Seite erwarten den Leser neue Aufgaben und Herausforderungen. Die eigentliche Geschichte, geschrieben von einem Herrn Straka „Das Schiff des Theseus“ wird ergänzt  durch die Anmerkungen zweier Studenten, die sich dieses Buch in einer Bibliothek, unabhängig voneinander, abwechselnd ausleihen. Zwischen den beiden Studenten Jen und Eric entspinnt sich eine lebhafte Unterhaltung, die wir Leser ausschließlich anhand der Randnotizen verfolgen können. Ziel der beiden ist es, den unter einem Pseudonym schreibenden Autoren ausfindig zu machen. Aber da gibt es wohl noch jemanden, der genau dies verhindern will.

Fußnote: der Autor J.J.Abrams ist der Regisseur und Produzent des neuesten Starwars Films.

Man munkelt, dass es dieses Buch nicht mehr lange geben wird, aber ich wollte es Ihnen nicht vorenthalten . Kiwi Verlag , € 45

Marceline Loridan-Ivens, Du bist nicht zurückgekommen

Ein schmales Bändchen, 100 Seiten, ein Brief, eine Liebeserklärung an den verlorenen Vater. Ein erschütterndes Dokument einer Jüdin, die als 15 jähriges Mädchen nach Auschwitz-Birkenau kam.

Gemeinsam mit ihrem Vater war das Mädchen deportiert worden, sie überlebte das Grauen – er nicht. Kurz vor seinem Tod konnte  Froim Rozenberg seiner Tochter noch eine Nachricht zukommen lassen. Jetzt, als 87jährige schreibt sie einen Brief , eine Antwort  an den verlorenen Vater. Sie beschreibt das erlebte Grauen, sie erzählt von der Zeit vor dem Krieg aber auch von den vielen Jahrzehnten, die sie ohne den Vater in Frankreich weiterlebte. Eine Zeit, die er nicht mit ihr erlebt hat und die er , wie sie meint, auch nicht verstehen würde. Damit zeichnet sie ein ganz genaues Bild der französischen Gesellschaft der Nachkriegszeit.

Ich habe schon viele verschiedene  Bücher über den Holocaust gelesen, aber, worüber ich mir, bis zu diesem Buch und zu „Der Schrecken verliert sich vor Ort“nie Gedanken gemacht hatte, war die Qualen der Überlebenden nach dem Krieg.

Insel Verlag, 15 Euro- auch als Ebook

Held, Der Schrecken verliert sich vor Ort

Eines der eindrücklichsten Bücher, die ich in den letzten Jahren lesen durfte. Es hallt lange nach und erinnert uns daran, niemals zu vergessen und uns unserer Verantwortung in dieser Welt zu stellen. Gerade in Zeiten wie diesen.

Monika Held erzählt die Geschichte des KZ Überlebenden Heiner Rosseck, der Anfang der 60er Jahre beim Frankfurter Auschwitz Prozess aussagen muss. Er erleidet dort einen Schwächeanfall bei dem ihm die Übersetzerin Lena zur Seite steht. Lena verliebt sich in Heiner, die beiden heiraten und er nimmt sie mit durch einen Parforce Ritt durch seine Vergangenheit. Sie bereisen das Polen der 80er Jahre auf der Suche nach dem Auschwitz der Gegenwart- für Heiner eine Reise in seine Heimat.

Das Buch beeindruckt durch seine klare Sprache und dem Gegensatz zwischen der privaten Liebesgeschichte und dem Schrecken der Vergangenheit.

Eine unbedingte Leseempfehlung für geschichtlich interessierte Leserinnen und Leser.

Eichborn Verlag € 19,99 und als Ebook € 15,99

Erpenbeck, Gehen, Ging, Gegangen

DAS Buch zur Stunde- nicht umsonst auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis. Der Titel steht symptomatisch für den Deutschunterricht, den Flüchtlinge bei uns besuchen aber eben auch für die weiten Wege, die sie gegangen sind und jetzt vielleicht gegangen werden.

Richard, ein kürzlich  emeritierter Professor, kann mit der nun gewonnenen Zeit nicht sehr viel anfangen. Er fühlt sich neben der Zeit. Hadert mit ihr. Er erkennt sich in den Schwarzafrikanern, die am Oranienplatz in Berlin campieren wieder. Auch diese haben Zeit, zuviel Zeit, auch sie sind herausgefallen aus dem Alltag. Und er geht auf sie zu, lernt sie kennen und erfährt die Geschichten, die hinter den Zahlen, die uns die Nachrichten präsentieren, stehen. Der Roman ist bewegend. Er beschreibt das Leben der in Deutschland gestrandeten Flüchtlinge, bleibt dabei aber sachlich und präsentiert uns auch keine „Heile-Welt- Lösung“ Lesen!

€ 19,99

Susan Abulhawa, Als die Sonne im Meer verschwand

Wie auch in ihrem lesenswerten Vorgänger Roman „Während die Welt schlief“ erzählt die Autorin anhand der dramatischen Geschichte der palästinensischen Familie Baraka über dieses Land, seine Einwohner und die vergangenen Jahrzehnte. Susan Abulhawa stammt selber aus Palästina, wuchs aber bei wechselnden Bezugspersonen in der ganzen Welt auf. Demzufolge ist ihr Blick aber klar auf das erlittene Unrecht der Palästinenser gerichtet.

Nur hat palästinensische Wurzeln, doch das  ferne  Land kennt sie lediglich aus den Erzählungen ihres Großvaters, bei dem sie in Amerika lebt. Ihr Großvater ist ihr Ein und Alles. Als er stirbt, bricht für Nur eine Welt zusammen. Sie muss fortan bei der Mutter leben, doch anstatt auf Liebe, trifft sie dort auf Gewalt und Missbrauch. Es soll noch eine lange Zeit vergehen, bis Nur das Land ihres Großvaters kennenlernen wird. Aus beruflichen Gründen fährt sie als Psychologin  nach Gaza und lernt dort  ihre Familie kennen.  Eine große Familie,  die trotz des Krieges und aller Mühsal zusammenhält und bei der sie sofort herzlich aufgenommen wird. Zum ersten Mal in ihrem Leben erfährt Nur, was es heißt, eine richtiges Zuhause  zu haben.

Das Buch gewährt einen tiefen Einblick in das Leben der Menschen in Gaza, was sie zu ertragen haben und wie sie trotzdem ihr Leben leben.  Es handelt von starken Frauen, die ihren Weg gehen und Schicksalsschläge ertragen und gibt Einblicke in das Leben und die Kultur der Menschen in Gaza.

In einer blumigen und bildreichen  Sprache lässt die Autorin die handelnden Personen durch die verschiedenen Jahrzehnte vor unserern Augen lebendig werden.

€ 19,99